Über das Schütteln

Schüttelreime werden nicht erfunden, sondern entdeckt. Zumindest die guten.

Ausgangspunkt ist im Idealfall ein zusammengesetztes Wort, z.B. Meisterklasse. Ein Schüttelreim ist gegeben, wenn durch Vertauschen der Anfangslaute der beiden Wortbestandteile sich wieder ein sinnvolles zusammengesetztes Wort ergibt, zum Beispiel Kleistermasse. Das so gefundene Wort enthüllt den verborgenen wahren Sinn des Ausgangswortes.

Schüttelreimen ist also eine der Kabbalah durchaus verwandte Technik. Die Aufgabe des Schüttelreimers besteht nur darin, den so gefundenen geheimen Sinn durch die Zusammenfassung der beiden Wörter in einem möglichst kurzen, prägnanten Reim zu verdeutlichen:

Die Schüler in der Meisterklasse
bewerfen sich mit Kleistermasse
.

Die Studenten der hehren Meisterklasse werden durch diesen schon längst klassischen Schüttelreim entzaubert und auf ihr höchsteigentliches Schulbubentum zurückverwiesen.

Wenn der Kabbalist im Zahlenwert eines Wortes ein anderes Wort entdeckt, sieht er darin einen Hinweis, den Gott selbst in der Sprache verborgen hat. So weit mag der Schüttler nicht gehen. Er freut sich bloß diebisch, wenn er aus einem wahrahft unschuldigen Wort wie Rosenhain die (wohl eher vom Teufel ) darin versteckte Zote ans Licht zerren kann:

Sie sitzt mit ihm im Rosenhain
und greift ihm in die Hosen rein.

Mit größtem Stolz erfüllt micht die Entdeckung des tiefen Sinnes in dem Wort Leibspeise, der in dem folgenden Motto aller Bulimikerinnen zum Ausdruck gebracht wird:

Erst fress ich meine Leibspeise
dann geh ich raus und speib leise.

Eine der großartigsten Leistungen meines Freundes Gustav, vor dem ich hiermit den mataphorischen Hut ziehe, ist die Entdeckung, dass die im Wiener Dialekt vorgetragene Aufforderung: „Bring a Funzn!“ („Bringe ein Licht herbei!“) den Beweis ihrer absoluten Berechtigung bereits in sich trägt:

Häuslfrau, geh bring a Funzn,
i wü ma net auf d‘ Finga brunzn!“

Zugegeben, nicht alles, was wir hier veröffentlichen, erfüllt die oben skizzierten hohen Ansprüche. Da wir beide, wie der Titel des Blogs verrät, Zwangsschüttler sind, wird hier vieles spontan gebloggt, was nur im Moment lustig ist. Der Zwangsschüttler geht ja schüttelnd durchs Leben. Er liest „Straßenbahn“ und denkt sofort „Baßenstrahn“. Nun ja, das gibt nichts her. Oder doch? Strahn = wienerisch streuen. Baßen? Was sind Baßen? Es könnten die Enden von Klobassen sein, einer hier an vielen Straßenecken verkauften Wurstart. Also vielleicht:

Der Bürgermeister lasst aus der Straßenbahn
am ersten Mai Klobassen straan.

Holpert noch. Statt dem Bürgermeister, der in Wien immer rot ist, könnte man ja den Vorsitzenden der SPÖ nehmen, aber der heißt leider Gusenbauer. Der Bürgermeister heißt derzeit Häupl, das sind immer noch zwei Silben, also eine zuviel. Zur Zeit von Zilk wär’s gegangen, also so:

Der Zilk lasst aus da Strassenbahn
am ersten Mai Klobassen straan.

Igendwie ganz nett, hat aber nicht das Zeug zum Klassiker. Warum? Der Vers ist eben konstruiert. Auch muss man, damit es sich reimt, eine Mischung aus Wienerisch und Hochdeutsch verwenden. Klobassen haben immer ein offenes a, während das erste a von Straßenbahn im Wienerischen mehr zu einem offenen o, das zweite zu einem offenen au tendiert. Man muss also die Straßenbahn hochdeutsch aussprechen, damit sie sich auf das Wienerische straan reimt. Solche Freiehiten nimmt sich der Schüttler freilich oft. Auch macht der wienerisch denkende Schüttler keinen großen Unterschied zwischen harten und weichen Konsonanten, was seine Interpretationsfreiheit um ein Erkleckliches vergrößert. Aber das eigentliche Manko des vorhin zitierten Beispiels ist, dass der Vers nicht überzeugend einen geheimen Sinn aufdeckt.

Apropos Manko:

Um Ausgleich für mein Manko bat
ich flehentlich den Bankomat.

Hier wird ein echter Zusammenhang enthüllt: Bankomat Manko bat, das ergibt sich ganz zwanglos, und darum wirkt der Fallfehler in der zweiten Zeile (hoffentlich) verzeihlich.

Eine echte Entdeckung und Entzauberung ist Gustav in dem folgenden Vers gelungen:

An ganz an leichten Fimmel hattar:
Er glaubt, er ist der Himmelvatta!

Himmelvater Fimmel hat er. Zwanglos und überzeugend.

Vorbildlich ist auch dieser, eine leicht kärntnerisch gefärbte Aussprache erfordernde Vers:

Hier sitz ich und warte auf Kundschaft
die von mir a bisserl an Schund kaft.

Eine Gruppe von konstruierten Schüttelreimen gibt es allerdings, zu der ich voll und ganz stehe. Das sind die, zu deren Konstruktion eine schon abenteuerliche Akrobatik notwendig ist. Hier schadet es meiner Meinung nach auch nicht, wenn dem Vers ein erklärender wissenschaftlicher Apparat beigegeben werden muss, damit er überhaupt verständlich wird:

Das Folgende entstand auf einer Bahnfahrt durch Kärnten:

Kann man St. Veit a. d. Glan schütteln?

Man kann. Mit Gewalt. Und man erfährt, warum der Schützenverein von St. Veit beim Kärntner Landesschießen immer nur Zweiter wird. Auch wenn manche von Aberglauben sprechen werden…

…’s hat nie zum Sieg mehr g’langt, seit an der Fahn’
Das Quastl fehlt in Sankt Veit an der Glan!

In dem Rohmaterial: Sankt Veit an der Glan – Glankt Seit an der Fan überhaupt noch etwas Sinn-Ähnliches entdeckt zu haben, halte ich für eine würdigenswerte Leistung.

Gar vom echten Vierzeiler noch Sinn zu erwarten, halte ich für übertrieben und böswillig. Hier zählt nur die Akrobatik.

Aus Glarus (CH)

Über das Gletschereis ein Glarner hinkt,
aus dessen Mund ein Loblied auf den Harn erklingt.
Ihr Verse, die ihr mir im Hirn erklangt,
sucht auf ihn, wo im Eisesklirr’n er hangt.

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